Über die Entstehung des Jakob-Gliber-Museums und des Skulpturen-Weges Jakob Gliber
2016 schrieb Raphael Lukasser seine Abschlussarbeit am Mozarteum in Innsbruck über die musikhistorische Bedeutung des Aineter Bildhauers Jakob Gliber, der sich v.a. um die Überlieferung von Volksliedern als sog. Gewährsmann für die Volksliedsammler Franz Friedrich Kohl, Karl Liebleitner u. a. verdient gemacht hatte. Als begabter Sänger und Jodler – er hatte in Wien neben dem Studium der Bildhauerei auch eine Gesangsausbildung absolviert -zog er noch in seinen späten Lebensjahren durch die Lande, war vielumjubelt und sammelte für die Geschädigten der beiden großen Dorfbrände der Jahre 1899 und 1903 in Ainet.
Als im Zuge dieser Arbeit immer mehr auch vom skulpturalen Nachlass des Künstlers auftauchte, u.a. der „Trauernde Engel“, das einstige Grabmal des Familiengrabes Gliber vlg.Kircher, nahm sich der Verfasser des Nachlasses an, vertrauensvoll von den Nachfahren des Künstlers in seine Hände übergeben, und machte es sich zur Herzenssache, quasi zur Lebensaufgabe, Jakob Gliber seinen ihm zustehenden Platz in der Musik- und Kunstgeschichte zuzuweisen. Der „Trauernde Engel“ war laut Auskunft des Altbauern bei der Erweiterung des Friedhofes und Abbruch der nordwestlichen Friedhofsmauer mit den Arkadengräbern 1965-68 zerstört worden, aus heutiger Sicht ein denkmalschützerischer Frevel und womöglich auch den Strafbestand § 190 StGB, Störung der Totenruhe, erfüllend.
Der Verfasser wollte und konnte sich damit aber nicht abfinden, stöberte noch einmal im weiten Dachboden des Kircher-Hauses und wurde schließlich fündig. Notdürftig verpackt und unter einer dicken Staubschicht konnte man die Anmut und Schönheit des Engels nur mehr erahnen. Gliber hatte für 2 weitere Gräber die Reliefs geschaffen, die allerdings offenbar tatsächlich zerstört wurden. Herr Peter Unterweger hatte im Jahre 2000 im Zuge der Vorbereitung einer Josef-Gasser-Ausstellung in Wien einige Nächte lang die auf dem Dachboden schutzlos deponierten Gipsmodelle notdürftig verpackt und sie so vor weiterem Schaden bewahrt. Laut Erzählung eines Zeitzeugen hatten vor Jahrzehnten Kinder auf dem weitläufigen Dachboden des alten Hauses gekegelt. Abgeschlagene Köpfe waren die Kugeln, die Torsi die Kegel.
Die viele Tage dauernde Recherche in den Archiven der Bundeshauptstadt und im Stiftsarchiv von Admont brachte manch Überraschendes und bislang Unbekanntes zutage. Manches zu diesem Zeitpunkt Publizierte erwies sich als unrichtig bzw. unvollständig. So war z.B. in der gedruckten Ausgabe des Österreichischen Biographischen Lexikons (ÖBL) der Geburtstag falsch. Gliber wurde am 15.09. geboren, nicht am 1.9. Das erste Nachschlagewerk hatte es, aus welchem Grund auch immer, falsch angegeben, und alle Lexika hatten das falsche Datum kritiklos übernommen. Lediglich Pizzinini hatte sich offenbar die Mühe gemacht und die Matrikelbücher eingesehen und das Datum in seinem fundierten Beitrag für Saurs „Allgemeines Künstlerlexikon“ korrekt wiedergegeben. Und: Gliber war von der Jahreswende 1869/70 bis Jahresende 1870 in Italien, nicht wie im ÖBL zu lesen bis 1872. Nach der Rückkehr nach Osttirol 1892 lebte und arbeitete er 21 Jahre lang in Leisach, erst ab 1914 wohnte er wieder in seinem Elternhaus beim „Kircher“. Und der Vollständigkeit halber: Arbeiten von Gliber finden sich am Naturhistorischen Museum in Wien, nicht am Kunsthistorischen Museum.
Der Beitrag über Jakob Gliber in der gedruckten Ausgabe des Österreichischen Biographischen Lexikons: kurz, unvollständig und fehlerhaft.
Als man sich zu einer aktualisierten und ergänzenden Neuauflage des ÖBL entschloss, beauftragte die Österreichische Akademie der Wissenschaften, Herausgeberin des Lexikons, den Verfasser mit der Abfassung des Beitrages über Jakob Gliber. Der Artikel ist mittlerweile über
https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_G/Gliber_Jakob_1825_1917.xml abrufbar.
Die für 2017 anlässlich des 100sten Todestages Glibers geplante Ausstellung musste, als immer mehr vom Nachlass auftauchte, auf 2018 verschoben werden, wurde aber ein umso größerer Erfolg. Fotos davon unter:
https://www.ainet.gv.at/Ausstellung_Jakob_Gliber
2019 und 2020 musste die Arbeit am Projekt fast ganz ruhen. Das Projekt war dem Verfasser aber längst zur Herzensangelegenheit geworden. Und als sich die Idee des Verfassers, dem „Trauernden Engel“ in der bislang schmucklosen Rundbogennische auf dem Kirchplatz einen würdigen Platz zuzuweisen, als wahre Bereicherung erwies, reifte die Idee eines Jakob-Gliber- Skulpturen-Weges und eines Museums für den berühmten Sohn der Gemeinde, als dessen Standort man das Foyer des Gemeindehauses als geeignet erachtete. Als Stationen eines Skulpturen-Weges boten sich an: Beim Museum im Gemeindehaus beginnend beim „Schmied“ in einer straßenseitig sich öffnenden Nische die 2.Station, die 2 Modelle für die Tabernakel-Engel, die Gliber 1893 für die Pfarrkirche in Buchkirchen (OÖ) in Marmor geschaffen hatte und die einst das „Schmied-Stöckl“, einen Bildstock, der dem Neubau der Bundesstraße weichen musste, zierten.
In den neugotischen Spitzbogen des Watschger-Stöckls schien der Spitzbogen vom Kircher Dachboden, der sich schließlich als zur Kreuzigungsgruppe gehörend herausstellte, zu passen. Sie war das Modell für die auf dem rechten Seitenaltar in Admont befindliche Golgatha-Gruppe in Zirbe und lädt als 3.Station zum kurzen Innehalten ein.
Kalser Sepp aus Leisach hatte in der ihm eigenen und ihn auszeichnenden Großzügigkeit und in der Begeisterung für die Beschäftigung des Verfassers mit Gliber das Portraitrelief von Juch, einst am Haus in Leisach, in dem Gliber 21 Jahre lang wohnte und arbeitete, dem Verfasser schon für die Ausstellung 2018 als Geschenk angeboten. Eine von der Fa. Westcam angefertigte Replik - das Original ist im Museum zu sehen - bildet auf dem Kirchplatz vor dem „Trauernden Engel“ die 4. Station des Skulpturen-Weges und gibt Gelegenheit zum Verweis auf das Geburtshaus des Künstlers.
Eine der wenigen fast unbeschädigten Figuren Glibers, der Hl. Josef mit Kind, passt gut in die Nische der Friedhofsmauer beim Widum, die 6. Station. Josef ist bzw. war ein beliebter und immer wieder vorkommender Name im Stammbaum der Familie Gliber vlg. Kircher. In allen Generationen wurde ein Sohn auf den Namen des Nährvaters Jesu getauft.
Der Kreuzweg Glibers, die Modelle für seinen Kreuzweg in Admont, sind die siebente und damit letzte Station des Skulpturen-Weges.
Die „Kircher-Mame“, Frau Anna Gliber, verfolgte das Projekt mit ebenso großem Wohlwollen wie Interesse. Leider konnte sie die Fertigstellung des Projektes nicht mehr erleben. Sie verstarb am 22. April 2024. Ihre Parte zierte der „Trauernde Engel“. Wie sehr hätte sie sich über das vollendete Projekt gefreut! Deshalb sei es ihr gewidmet.
Die Skulpturen wurden vom Schlaitner Bildhauermeister Sebastian Rainer stilgerecht restauriert, die Replik des Juch-Reliefs vom Malermeister Siegfried Schusteritsch sich am Original orientierend polychrom gefasst. Der St. Johanner Tischlermeister Martin Gollner erwies sich als Fachmann für die Vitrinen des Museums und die notwendigen Verglasungen bei den einzelnen Stationen. Die graphische Gestaltung der Schautafeln wurde Frau Eva Scheidweiler (08/16 grafik), in Salzburg, gebürtige Lienzerin, übertragen.
Der Druck der Tafeln usw. lag in den bewährten Händen der Aineter Fa. GreenPrint (Stefan Ortner).
Das „Watschger“-Stöckl wurde im Zuge der Sanierung der Friedhofsummauerung renoviert, der Virger Bildhauer Lukas Fuetsch fertigte eine Kopie der „Trauerden/Betenden Römerin“ in Marmor für das Museum, erhalten haben sich nur Gipsmodelle, an.
Das Jakob-Gliber-Museum und der Skulpturen-Weg Jakob Gliber sind gewissermaßen das Geschenk der Gemeinde Ainet an ihren berühmten Sohn zu seinem 200sten Geburtstag.
Der am 15. September 1825 beim „Kircher“ geborene Jakob Gliber ist wohl der berühmteste Sohn Ainets. Nach entbehrungsreicher Kindheit in der bäuerlichen Großfamilie und 10 Jahren als „Notlehrer“ in Alkus machte er sich 1853 auf den Weg nach München - zu Fuß(!) – wo er nach einem Jahr als Altarbauer in die BiIldhauerklasse wechselte. Wieder ein Jahr später lockte ihn das Bauvorhaben Ringstraße nach Wien, wo er von 1854 - 58 an der Akademie studierte. Daneben absolvierte er eine dreijährige Gesangsausbildung. Mit dem Vokalquartett, dem auch sein in Wien als Lehrer tätiger Bruder Gabriel angehörte, feierte er große Erfolge. Außerdem sang er im Wiener Sängerbund und im Schubertbund. Ab 1860 fand er Anstellung in der Werkstatt seines schon berühmten Landsmannes Joseph Gasser. Er schuf u.a. die Büste Carl Maria von Webers für das Schwind-Foyer in der Staatsoper. Mit dem Erlös für die Statue des Stiftspatrons St. Blasius und die Passionsgruppe für den Seitenaltar in der Stiftskirche in Admont begab er sich 1869/70 auf eine Italienreise. Wieder in Wien arbeitete er an der Votivkirche ((Hl. Bonifatius, Severin, Hedwig, Nepomuk, Rupertus, Justus) und am Naturhistorischen Hofmuseum (Balustradenfiguren Albertus Magnus und Marco Polo). Ab 1880 war er wieder in Admont, wo er den Auftrag für die 14 Kreuzwegstationen erhalten hatte. Die Gipsmodelle dafür überließ er der Pfarrkirche seiner Osttiroler Heimatgemeinde. 1892 übersiedelte er wieder in seine Heimat Osttirol, wo er die folgenden 21 Jahre in Leisach lebte und arbeitete. Er schuf u.a. Grabdenkmäler für verschiedene Friedhöfe. Als vielumjubelter Sänger sammelte er für die Opfer mehrerer verheerender Brände in seiner Heimatgemeinde Ainet. Er war auch einer der wichtigsten Gewährsmänner für die damaligen Volksliedsammler und wurde 1914 Ehrenmitglied des Lienzer Sängerbundes. Im selben Jahr kehrte er schließlich in sein Elternhaus zurück. Der „Nestor der Tiroler Künstler“, wie es in den Nachrufen der Zeitungen hieß, starb am 1.2.1917.